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Kasseler Geschäfte
testen kompostierbare Verpackungen
Feldversuch für Bio-Kunststoff
Von ALEXANDER BITTMANN
Die Entsorgungsbranche blickt
gespannt nach Kassel: In einem
Großversuch wird dort die Akzeptanz biologisch abbaubarer
Verpackungen getestet. Diese sind zwar herstellungsbedingt
teurer als petrochemische Kunststoffe, aber schonen fossile
Ressourcen und senken die Entsorgungskosten.
KASSEL. Nicht nur bei moderner
Kunst, auch beim Kompostieren
hat die hessische Stadt Kassel in Deutschland die Nase vorn:
Bis
Jahresende läuft hier der weltweit erste Praxistest für
Verpackungen aus biologisch abbaubaren Werkstoffen (BAW). In
80 Kasseler Geschäften erhalten die Kunden die Waren in
Bio-Verpackungen - insgesamt zehn verschiedene Formen werden
getestet. Die gebrauchten BAW-Verpackungen landen in der
Biotonne; der Dienstleister Interseroh und das Göttinger
Kompostwerk entsorgen sie. Das Kasseler Projekt soll zeigen,
ob
Bio-Verpackungen effektiv sind.
Nach einer DIN-Norm gilt ein
Kunststoff als kompostierbar, wenn
er sich innerhalb von 100 Tagen durch Einwirken von Bakterien,
Pilzen, Algen oder Licht in seine Ausgangsstoffe - Kohlendioxid,
Wasser und Biomasse - zersetzt. Die meisten Bio-Verpackungen
verrotten in der Kompostieranlage innerhalb von sechs bis zehn
Wochen.
BAW-Verpackungen und -Folien
können sowohl aus
nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Getreide, Zuckerrüben
oder
Zellulosefasern als auch auf Erdölbasis hergestellt werden.
In
Kassel sind unter anderem Tragetaschen auf Maisbasis erhältlich
- die können auch als Tüten für Küchenabfälle
weiterverwendet
werden. Verpackungsfolien aus Maisstärke sind luftdurchlässiger
und daher lebensmittelfreundlicher als herkömmliche
Kunststoff-Verpackungen.
Das für diese Verpackungen
verwendete Stärkeblend namens
Mater-Bi von der italienischen Firma Novamont ist mit biologisch
abbaubaren Polymeren auf synthetischer Basis und Additiven
gemischt. Der natürliche Anteil variiert je nach gewünschtem
Abbauverhalten und Funktionalität zwischen 40 und 100 %.
Mater-Bi weist ähnliche
Eigenschaften auf wie herkömmliche
Kunststoffe: Die Formteile, Folien, Schäume und Hohlkörper
aus
dem Stärkeblend sind fettbeständig, lassen sich tiefziehen,
sind
schrumpf- und schweißbar. Bio-Kunststoffe könnten
einen
bedeutenden Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele leisten.
Derzeit werden in Deutschland jährlich rund 3,7 Mill. Tonnen
Kunststoffe für Verpackungen verwendet. Bis zum Jahr 2010
könnten bis zu 10 % aller Leichtverpackungen aus biologisch
abbaubaren Werkstoffen bestehen, so die Agentur
Nachwachsende Rohstoffe e.V. Technisch machbar wäre auch
die
energetische Nutzung der Biomasse als Biogas. Biologisch
abbaubare Joghurtbecher, Milchtüten und Kleinverpackungen
könnten auch die hohen Kosten des Dualen Systems erheblich
reduzieren.
Insbesondere die Kunststoffe
auf Stärkebasis seien "aus
ökologischer Sicht sehr günstig", sagt Martin
Patel vom Copernicus
Institute der Universität Utrecht. Der Primärenergieverbrauch
und
die Treibhausgas-Emissionen liegen bei Stärkepolymeren um
bis
zu 80 % niedriger als bei Polyethylen, dem gebräuchlichsten
Pack-Kunststoff.
Ein weiterer Vorteil: Biologisch
abbaubare Werkstoffe setzen bei
der Verwertung nur so viel Kohlendioxid frei, wie während
des
Pflanzenwachstums über die Photosynthese gebunden wurde.
Und
das Ergebnis der Zersetzung, der Kompost kommt als Dünger
zurück aufs Feld: Abfallwirtschaftler der Bauhaus-Universität
Weimar haben den Kasseler BAW-Kompost untersucht und kamen
zum Ergebnis, dass er den Qualitätsanforderungen in der
Landwirtschaft genügt und mit Mineraldünger mithalten
kann.
Um die ökologischen und
ökonomischen Vorteile des
Bio-Recyclings zu realisieren, muss allerdings gewährleistet
sein,
dass der Kompost nicht mit herkömmlichen Kunststoffabfällen
verschmutzt wird. Diese Bedenken konnte das Modellprojekt
ausräumen: Fehlwürfe in die Biotonne sind während
des Versuchs
nicht gestiegen, wie Kritiker befürchteten. "Die Fehlwurfquote
war
sogar leicht rückläufig", berichtet Projektleiter
Martin Lichtl. Die
Verbraucher akzeptieren die neuen Verpackungen mit dem
orangen Sechseck. Ein Drittel der Konsumenten habe sich sogar
bereit gezeigt, für umweltfreundliche Tragetaschen und
Joghurtbecher 5 Cent mehr zu zahlen.
(c) HANDELSBLATT, Dienstag,
27. August 2002
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